Couchsurfing in Afrika

Dass diese Reise eine Abenteuer werden würde, war sicherlich nicht nur mir selbst, sondern auch jedem, der mich kennt, klar. Wie abenteuerlich es aber wirklich werden würde, war wenig absehbar und viele dieser Abenteuer habe ich der Tatsache zu verdanken, auf Couchsurfing als Unterkunfsalternative zurückzugreifen.

Couchsurfing kam aus zwei Gründen in Frage: zum einen spart es tatsächlich enorm viel Geld, zum anderen (und das ist der für mich viel bedeutendere Faktor) lernt man so direkt Einheimische – und demnach Land, Leute und Gewohnheiten – kennen.

Addis Abeba:

In Addis haben wir auf Couchsurfing zurückgegriffen, um uns von einem Local ein wenig die Stadt zeigen zu lassen. Die gesamte Begegnung war allerdings etwas seltsam, da der Gute irgendwie keinerlei Ahnung von der Stadt hatte, uns auch eigentlich nichts zeigen, erzählen oder erklären konnte und uns stattdessen permanent Bilder zeigen wollte, die ihn beim Trinken oder Kiffen zeigen. Darüber hinaus hatte er offenbar erwartet, sich mit einem Mann zu treffen, statt mit zwei Mädels. Warum unsere – doch sehr weiblichen Namen – ihm da nicht Hinweis genug waren, verstehen wir bis heute nicht…

Mombasa:

In Mombasa hatten wir direkt mehrere Leute zur Auswahl, die uns hätten aufnehmen wollen. Zwei kamen und jedoch relativ suspekt vor, sodass wir uns für Variante drei entschieden haben, wobei wir tatsächlich in einer richtigen Wohnung mit einem Bad und fließend Wasser gelandet sind. Die Lage der Unterkunft war für uns auch sehr vorteilhaft, da wir innerhalb von 15 Minuten mit einem Matatu in der Old Town Mombasas waren. Nach dieser sehr positiven Erfahrung haben wir uns entschieden, auch auf unserer Weiterreise auf Couchsurfing zurückzugreifen, und vor allem in Uganda wurde es dann richtig interessant…

Kampala:

Kampala war – zurückblickend – unser größter Fehler hinsichtlich Couchsurfing. Wir sollten bei einem 22-jährigen Studenten unterkommen, der vorab sehr nett klang und uns auch direkt vom Bus abholen wollte. Dann nahm allerdings das Schicksal seinen Lauf, als er zunächst noch einen anderen Reisenden (Mr. Wong aus Malaysia) begrüßte, der eigentlich auch bei Steven, aber irgendwie auch bei seinem Onkel schlafen sollte. Interessant! Danach mussten wir unser wirklich schweres Gepäck fast eine Stunde durch die Stadt tragen, da er der Meinung war, man käme ansonsten nicht zu dem Taxi Rank, von dem wir zu ihm fahren könnten. Uns mit unseren Rucksäcken zu helfen, kam ihm jedoch auch nicht in den Sinn, stattdessen lachte er immer nur und meinte, das sei ja gar nicht schwer, wir seien einfach nur müde. Als wir dann irgendwann die Schnauze voll hatten und ihm einfach einen der Rucksäcke aufgesetzt haben und er durch das Gewicht fast hinten über gekippt wäre, hat er seine Meinung wohl geändert, aber weiterhin auf die Tatsache beharrt, unser Gepäck sei nicht schwer und dass es nur für uns Frauen zu schwer sei, für ihn als Mann natürlich nicht. (An dieser Stelle sei anzumerken, dass er fast nen Kopf kleiner war als Sabrina und ich und ein absoluter Spargeltarzan.) Man muss ihm zu Gute halten, dass er sich um unser Frühstück gekümmert hat und uns sofort an die Köstlichkeiten der ugandischen Küche herangeführt hat. Außerdem hat er uns an all die Plätze geführt und begleitet, die wir gern sehen wollten (unter anderem ein Slum in Kampala, aber dazu mehr im nächsten Beitrag!), das Problem war, dass er einer der anstrengendsten Menschen war, denen ich je begegnet bin, sich aufgeführt hat wie ein 14-jähriger Teenager und ständig mit uns einklatschen wollte aus uns völlig unerklärlichen Gründen. Von seiner furchtbaren, glucksenden Lache haben wir heute noch Alpträume.

Ganz besonders interessant wurde es dann, als wir zu Steven nach Hause kamen. Dass es Afrika ist und man deshalb keinen Luxus erwarten kann, ist mir durchaus bewusst, jedoch war ich es bisher aus den meisten afrikanischen Haushälten so gewohnt, dass die Leute sehr viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit legen. Bei Steven war es einfach nur muffig, schimmelig und eklig und er hat uns auch nicht erlaubt, das Fenster,geschweige denn die Tür, zu öffnen. Fließend Wasser gab es nicht, was ebenfalls in Ordnung ist, aber er hat uns – im Gegensatz zu allen anderen vorher und nachher – auch keine Alternative zur Verfügung gestellt, sodass die Körperpflege halt mal ausfallen musste. Auch wenn wir eigentlich sogar gern noch etwas länger in Kampala geblieben wären, hätten wir seine Anwesenheit vermutlich nicht länger ertragen, sodass wir nach zwei Tagen die Stadt mit wehenden Fahnen verlassen haben.

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Masaka:

Auch in Masaka hatten wir uns dazu entschieden, couchzusurfen und sind bei der 40-jährigen Phiona und ihrer „Familie“ gelandet. Als es hieß, ihr Sohn würde uns vom Bus abholen, haben wir maximal einen Teenager erwartet und keinen Endzwanziger, der in den nächsten Tagen viel mit uns unternommen hat. Phiona hat sich ganz fantastisch um uns gekümmert, hat immer für uns gekocht und war nahezu beleidigt, wenn wir gesagt haben, dass wir keinen Hunger hätten. So ganz suspekt war uns unser Aufenthalt dennoch nicht. Zwar hatten wir ein eigenes großes Zimmer (sogar mit eigenem Bad UND fließend Wasser) für uns, allerdings glich dieses Zimmer mehr einer Rumpelkammer und bot ein fantastisches Zuhause für unzählige Kakerlaken, sodass wir abends vorm Schlafen – bewaffnet mit Plastikbechern – erst einmal auf Kakerlakenjagd gehen mussten, um zu vermeiden, dass unsere Mitbewohner nachts das Bett mit uns teilen würden. (Ich muss jedoch zugeben, dass ich diese Aufgabe Sabrina auferlegen musste, da ich mich vor den Viechern zu sehr ekel.) Die Kakerlaken waren jedoch nur eine Unannehmlichkeit bei Phiona, denn uns beschlich das leise Gefühl, im Hauptquartier einer Sekte gelandet zu sein. Neben Phiona und ihrem „Sohn“ Dan leben noch 18 weitere Kinder auf ihrem Gelände  (zwischen 1 und 15 Jahren) und teilweise hatten wir den Eindruck, dass sie sich von diesen Kindern bedienen und bekochen lässt. Als wir bei der Sektenanführerin im Wohnzimmer saßen, wurden einige Kinder herangerufen, um für uns zu kochen oder Besorgungen zu machen  (was uns natürlich unendlich unangenehm war!). Als die Kinder dann zu allem Überfluss auf die Knie fielen, wenn sie mit Phiona redeten oder ihr etwas geben wollten, machte den Sekteneindruck perfekt. Wir schauten uns also nur mit einem fragenden Blick an und fragten uns, wo wir gelandet sind. (Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass wir am nächsten Tag herausgefunden haben, dass der Kniefall in Uganda zur Kultur gehört und ein Zeichen von Respekt ist und wir nach einiger Zeit herausgefunden haben, dass Phiona eine Art privates Kinderheim betreibt.)

An unserem letzten Abend im Sektenhauptquartier saßen wir gerade mit den größeren Mädels beim Kartenspielen (das ich im Übrigen wider Erwarten haushoch gewonnen habe!), herrschte draußen Aufruhr, weil Dan einen Einbrecher auf dem Gelände entdeckt hatte. Kurz ein wenig geschockt, haben wir nachgeschaut, on all unsere Wertsachen noch da waren und dachten dann, wir würden auf die Polizei warten müssen, und könnten in der Zeit in aller Ruhe unsere Runde 500 beenden können. Dass es noch fast 2 Stunden dauern würde, bis wir zu unserem Spiel zurückkehren könnten, wussten wir in diesem Augenblick noch nicht. In Uganda ist es nämlich so, dass sich die Polizei an so „Kleinigkeiten“ wie einem Einbruch nicht aufhält, vor allem dann, wenn nichts geklaut worden ist. Stattdessen erwartet die Polizei hier, dass die Hausbesitzer selbst über die Einbrecher richten, bevor sie sie an die Polizei übergeben. Und das haben Dan, sowie der gut beleibte, aggressive Nachbar, zur Genüge getan. Anfangs hat Dan „nur“ allein auf den Typen mit einem Plastikrohr eingeschlagen, der war aber nicht bereit, Reue zu zeigen oder seine Tat zuzugeben. Stattdessen versuchte er sich herauszureden, dass er lediglich jemanden auf dem Gelände besuchen wollte. Allerdings schien ausgerechnet diese Person nicht bei Phiona und ihrer Familie zu wohnen. Nach unzähligen Telefonaten und der langgehegten Hoffnung, die Polizei würde doch noch auftauchen, wurde dann besagter Nachbar zur Hilfe gerufen, der nicht lang zögerte und kurzen Prozess machte. Er band die Füße und Hände des Einbrechers zusammen und fing an, gnadenlos auf ihn einzuschlagen. Wir waren mittlerweile an dem Punkt angelangt, dass wir am liebsten fluchtartig unsere Unterkunft verlassen hätten. Der Einbrecher hat um Gnade gewinselt, aber es hat niemand Gnade walten lassen und es war auch nicht absehbar bis ein Geständnis zu hören war. Die Prügelei hielt über eine Stunde an, bis beide Peiniger so wütend wurden, dass sie den Jungen mit Benzin übergossen und ihm drohten, ihn anzuzünden, wenn er nicht langsam die Wahrheit sagen würde. In diesem Moment kam natürlich ein Geständnis (mittlerweile hätte vermutlich jeder alles gestanden) und ich war unendlich froh, am nächsten Tag weiterzuziehen, da mir alle Mitglieder der Familie/Sekte/Wohngemeinschaft nicht mehr ganz geheuer waren. Irgendwann traf der Vater des Jungen ein, mit seinem Prügelstock in der Hand, und wollte auch nochmal ausholen, er wurde aber (überraschenderweise) von dem aggressiven Nachbarn gestoppt. Letztlich wurde der Junge dann doch zur Polizei gebracht und wir wussten absolut nicht, wohin mit den Gedanken, sind aber ziemlich erleichtert am nächsten Morgen von dannen gezogen.

Kabale:

Nach diesem surrealen und sehr verstörenden Abend waren wir auf unsere nächste „Familie auf Zeit“ sehr gespannt. Wir wurden von Maureen, ihrem Ehemann und ihrer 7-jährigen Tochter auch sehr herzlich empfangen, aber im gleichen Moment wurde uns berichtet, dass zeitgleich noch ein anderer Gast dort sei, der schon in unser Zimmer gezogen sei und ob wir mit ihm ein Zimmer teilen würden oder auf den sehr unbequemen Sofas im Wohnzimmer schlafen wollen. Wir haben uns dann entschieden, das Zimmer mit Peter, einem chinesisch-amerikanischen Doktor aus Harvard zu teilen, der zwar unheimlich intelligent war, aber leider absolut keine sozialen Kompetenzen hatte. So hat er jedem, dem er begegnet ist, direkt sehr persönliche Fragen gestellt, mit der Begründung, er würde irgendwelchen Research machen. Außerdem erzählte er, dass er, um noch mehr Leute interviewen zu können, häufig einfach in die Häuser irgendwelcher Leute spaziert. Naja, so kann man es natürlich auch machen… Maureen und ihr Mann haben sich sehr gut um uns gekümmert, haben uns geholfen, eine Tour zu den Berggorillas und eine Kanutour auf dem Lake Bunyoni zu organisieren und haben auch für uns gekocht. Leider haben sie bei den Zutaten penibel drauf geachtet, dass wir für jegliche Kosten der zutaten aufkommen würden. Eine Wahl, ob wir überhaupt gemeinsam essen wollen, wurde uns dabei nicht gelassen. Als wir dann für unseren letzten Morgen die Zutaten für Omelette mitgebracht haben, wurde direkt von Sabrina erwartet, dass sie das auch zubereiten würde, auf einem „Herd“ und mit Kochutensilien, die uns völlig fremd waren. Als wir zum Dank dafür auch noch ausgelacht wurden, war für uns zum Glück wieder der Zeitpunkt gekommen, zu gehen…

In den letzten Wochen war ich für die Gastfreundschaft und Herzlichkeit vieler Menschen unglaublich dankbar und auch, wenn hier vermehrt dir abenteuerlichen Seiten unserer Couchsurfing-Abenteuer aufgelistet sind, haben wir uns dennoch bei jedem einzelnen wohlgefühlt und haben uns über die Gastfreundschaft mehr als gefreut. Außerdem hatte ich so die Möglichkeit, das „echte“ afrikanische Leben, das mich so sehr fasziniert, viel besser kennenzulernen, als es in einem Backpacker/Guesthouse jemals möglich gewesen wäre.  Genau deshalb wird Couchsurfing auch weiterhin eine häufig genutzte Alternative auf dieser Reise werden und sicherlich für das ein oder andere Abenteuer und Lacher sorgen! 🙂 

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